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Oliver Hundacker über den neuen Al Rihla Adidas

Der WM-Ball-Entwickler im Interview

Adidas-Chefentwickler im Interview Wird ein Kreisliga-Spiel besser, wenn mit dem WM-Ball gespielt wird?

Oliver Hundacker erklärt, was der WM-Ball Al Rihla kann und wie der perfekte Ball für Amateure aussehen würde.

In knapp drei Monaten beginnt die FIFA-Fußball-WM in Katar. Der Ball, mit dem ab dem 20. November um den wichtigsten Titel im Fußball gespielt wird, kommt wie immer von Adidas.

Der Mann, der den WM-Ball "Al Rihla" federführend entwickelt hat, ist Oliver Hundacker. Leiter der Entwicklungsabteilung Fußballschuhe, Fußbälle und Torwarthandschuhe bei Adidas. Von ihm haben wir uns erklären lassen, was den neuen Ball besonders macht. Außerdem haben wir ihn gefragt, ob ein Kreisligaspiel besser wird, wenn mit dem Al Rihla gekickt wird und wie ein perfekter Ball für den Amateurfußball aussehen müsste.

2x45: Der neue WM-Ball hört auf den Namen "Al-Rihla". Wie spricht man das eigentlich richtig aus?

Oliver Hundacker: Die richtige arabische Aussprache wäre "Al Rachla". Das ist etwas, was wir selber auch trainieren mussten. Der Name bedeutet "die Reise".

Die Reise bis zum 20. November, wo der Ball das erste Mal bei der WM rollen wird, ist fast geschafft. Mit welchen Gefühlen schaust du als Entwickler des Spielgerätes dem Eröffnungsspiel entgegen?

Man geht so einem Eröffnungsspiel schon mit einer gehörigen Portion Lampenfieber entgegen. Auf der einen Seite haben wir den Ball natürlich ausführlich getestet. Er kommt auch jetzt schon bei Länderspielen und zum Teil Pokalwettbewerben zum Einsatz. Wir wissen, dass er funktioniert. Auf der anderen Seite ist die WM als Event aber natürlich extrem bedeutend. Für Adidas als Firma, für die FIFA, für die Fußballer, aber natürlich auch für die Millionen von Zuschauern an den Bildschirmen. Das ist dann der Moment, in dem es wirklich zählt.

Wie muss man sich das vorstellen? Sitzt ihr bei Adidas zum Public Viewing zusammen?

Das hängt immer ein bisschen von den Zeitzonen ab, zu denen die Turniere stattfinden. Aber es gibt bei Adidas die Gelegenheit, Spiele zusammen anzuschauen. Und das machen wir auch, weil wir natürlich die gemeinsame Liebe und Passion für den Fußball teilen.

Nun bringt der Al Rihla ja einige spannende neue Features mit. Adidas beschreibt ihn als "schnellsten und in der Flugbahn präzisesten Ball der WM-Geschichte". Wie konntet ihr das erreichen?

Wir haben sehr intensiv zum Thema Luftwiderstand geforscht. Neben der Schwerkraft und dem Auftrieb ist das einer der drei physikalischen Faktoren, die die Flugeigenschaften eines Fußballs beeinflussen. Mithilfe einer besonderen Oberflächenstruktur, das heißt, unterschiedlich tiefen Prägungen im Außenmaterial, konnten wir beim Al Rihla den Luftwiderstand im Flug reduzieren.

Außerdem haben wir ein ganz neues Panel-Shape entwickelt. Panels sind die Elemente, die die Blase eines Balls umschließen. Der Al Rihla hat 12 größere und 8 kleinere Panels, die so zusammengefügt sind, dass sie eine gewisse Nahtlänge ergeben. Das wiederum beeinflusst ebenfalls das Flugverhalten des Balles positiv.

Oliver Hundacker über den neuen Al Rihla
Adidas
Die Speedshell-Technologie mit 20-teiligem Panel Shape und strukturierter Oberfläche ist eine der wichtigsten Neuerungen beim Al Rihla.

All das geht nur in enger Zusammenarbeit mit der Wissenschaft. Wir haben mit Partneruniversitäten kooperiert, natürlich sehr viel simuliert mithilfe von Berechnungsmodellen und sind mit dem Ball durch viele verschiedene Teststadien, inklusive Windkanaltests, gegangen.

Der Ball wird bei der WM auch erstmalig mit einem Chip im Inneren ausgestattet sein. Damit sollen in Echtzeit Daten an den Videoschiedsrichter geliefert werden. Wie funktioniert das?

Wir hatten schon beim WM-Ball 2018 einen NFC-Chip unter der Außenhaut platziert, der allerdings nur für Marketing-Kommunikation genutzt wurde. Der Chip bei den Bällen für die Turnierspiele sitzt jetzt im Ballinneren, in einer in der Blase verankerten Plastikkugel.

Der Chip sendet Daten an Antennen, die außerhalb des Spielfelds platziert sind. Und zusammen mit künstlicher Intelligenz entstehen so genaue Positionsdaten des Balles und der Spieler. Das macht die Matchbälle beim Turnier zu richtigen Hightech-Produkten.

Und wie verlief die Entwicklung?

Wir haben viel im Windkanal und mit Highspeedkameras getestet, um auszumessen wie genau und akkurat der Ball mit diesem neuen Element fliegt. Denn natürlich war die klare Vorgabe an unser Innovation-Team, uns eine Konstruktion zu liefern, mit der sich der Ball nicht vom Ball ohne Chip-Kugel unterscheiden lässt.

Wir haben diese Technik schon bei verschiedenen Turnieren der FIFA getestet, z.B. dem Arab Cup 2021 oder dem FIFA Club World Cup 2021. Teilweise spielen die Verbände auch mit Dummy-Balls, heißt, die Bälle haben Kugeln im Inneren, die aber keine Chips beinhalten, um das Spielgefühl zu simulieren.

Oliver Hundacker über den neuen Al Rihla
Adidas
Der Chip üermittelt 500 Mal pro Sekunde Balldaten ans Videocenter und macht so die halbautomatische Abseitstechnologie möglich.

Du hast schon den Punkt "Nachhaltigkeit" angesprochen. Inwiefern ist der Al Rihla nachhaltiger als seine Vorgänger?

Wir verwenden bereits recycelte Materialen (20% recyceltes Polyester) sowie wasserbasierte Farben und Klebstoffe. Außerdem kommt zum ersten Mal in wirklich skalierbarem Außmaß ein Material auf Zuckerrohr-Basis zum Einsatz. Es handelt sich dabei um einen sogenannten EDPM-Foam: den Schaum, der sich im Inneren der Panels befindet und für die Softness sorgt. Für den Konsumenten ist diese Änderung in der Materialität nicht wahrnehmbar. Aber für uns als Firma ist das natürlich sehr relevant, reduziert es doch die Abhängigkeit z.B. von Erdöl, erheblich. Das möchten wir generell forcieren für die Zukunft.

Was sind denn konkret die nächsten Schritte in Sachen Nachhaltigkeit?

Es gibt mehrere Bausteine, die wir versuchen zu erreichen. Ein Thema ist Materialforschung. Das heißt, wie viel recycelten Anteil können wir in die einzelnen Materialien hineinbringen, ohne die Performance zu beeinträchtigen. Gleichzeitig wollen wir aber auch den Schritt heraus aus der Materialität schaffen. Das bedeutet, einen Ball zu konstruieren, den wir am Ende des Life Cycles auch wieder auseinanderbauen und seine Materialgruppen der Wiederverwertung zuführen können.

Unser ultimatives Ziel wäre es also, die Bälle irgendwann vom Kunden wieder zurücknehmen zu können, sie auseinanderzubauen und wieder unterschiedlichen Kreisläufen zuzuführen. Wir wissen noch nicht, ob wir das erreichen können.

Mit 150 Euro hat der Al Rihla Top Matchball einen ordentlichen Preis. Nicht jeder Fußballer kann und will sich das leisten. Was unterscheidet die günstigeren Versionen (Competition 60 € und League 35 €) vom Pro-Ball?

Die Versionen unterscheiden sich in ihrer Konstruktion und Materialität: Unsere Top Matchbälle sind "thermobonded". Das bedeutet, die Panele werden mit einem Leim geklebt und in einem Ofen quasi "verbacken". Zum Einsatz kommt hochwertiges PU.

Im mittleren Preissegment gibt es dann eine Laminiertechnik, welche die Effekte des Top-Balls nachstellt, aber einfach andere Materialien verwendet. Außerdem ist die Textur der Außenhaut nicht so ausdetailliert wie beim Top-Ball.

Im günstigsten Preissegment wird TPU als Material für die Außenhaut verwendet und die Panele werden mit der Nähmaschine zusammengenäht. Hier unterscheiden sich also sowohl Materialität, als auch Konstruktionsmethode vom Top-Ball.

Bei 2x45 richten wir uns ja an aktive Fußballer, die zumeist in Amateur-Vereinen spielen. Hier herrschen andere Anforderungen ans Spielgerät. Wenn du einen Ball für den Amateurfußball konstruieren müsstest, wie würde der aussehen?

Im Amateurbereich spielt natürlich die Haltbarkeit eine ganz andere Rolle. Da kommen die Bälle ins Ballnetz und müssen im Schuppen Hitze und Kälte aushalten. Die Profi-Clubs können es sich leisten, immer wieder neue Bälle zu nutzen. Denen geht es um Softness, Performance und Speed - das ist natürlich ein ganz anderer Anspruch.

Am Ende ist es eine Frage des Geldes, was sich die Vereine leisten wollen und können. Ich denke, die League-Version vom Al Rihla wäre da schon eine gute Option. Ich finde das ist ein sehr guter Ball, der sich sehr gut spielen lässt und viel von der Softness vom Top-Ball hat, aber eben haltbarer und deutlich günstiger ist.

Provokant gefragt: Wird ein Kreisliga-Spiel besser, wenn man mit dem Al Rihla spielt?

Es ist natürlich immer so, dass am Ende das rauskommt, was ich reingebe. Aber die Flugeigenschaften und die Präzision der Flugbahn gelten selbstverständlich auch für den Kreisligaspieler. Und da sollte man davon ausgehen, dass zumindest der Ball nicht ablenkt von dem Input, den der Kreisligaspieler gibt.

Das wäre doch mal eine Idee, den Ball der Profis auf Herz und Nieren in der Kreisliga zu testen.

Das passiert durchaus. Es gibt so eine Art Testing-Pyramide, die auch Amateur-Clubs einschließt. Dort schauen wir dann auf die Durability des Balls, denn hier kommen viele Stunden und Minuten zusammen, in denen der Ball im Einsatz ist.

Trittst du eigentlich auch selber manchmal gegen den Ball, den du entwickelst? Sprich: Spielst du selber aktiv Fußall?

Früher ja, heute nicht mehr. Aber wir haben in unserem Team sehr viele aktive Fußballer und den Luxus, dass wir einen Fußballplatz hier auf dem Arbeitsgelände haben. Sodass auch in der Mittagspause auch oft Fußball gespielt wird. Ich bin ja der Leiter der Entwicklungsabteilung Fußallschuhe, Bälle und Torwarthandschuhe - da ist es natürlich toll zu sehen, wenn das alles zusammen zum Einsatz kommt.

Vielen Dank Oliver Hundacker für das Interview!

Am 20. November beginnt die WM in Katar. Die WM wird aus unterschiedlichen Gründen kritisiert, vor allem wegen Menschenrechtsverletzungen und der Ausbeutung von ausländischen Arbeitern sowie der Kriminalisierung von Homosexuellen.

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