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Schiedsrichterin Franziska Koch Dirk Mathesius

Das erlebt eine Schiedsrichterin im Amateurfußball

Amateur-Schiedsrichterin im Interview "Du weißt wahrscheinlich nicht mal, was Abseits ist"

Warum eine Hobby-Schiedsrichterin aus Berlin immer noch gerne Männer-Spiele pfeift - trotz rabiatem Ton auf dem Feld.

"Frauen gehören an den Herd und nicht auf den Fußballplatz": Solche Kommentare kriegt Schiedsrichterin Franziska Koch leider oft zu hören. Auch im Jahr 2022. Wie sie darauf reagiert und warum sie ihr Ehrenamt trotzdem liebt.

Franziska Koch (30) begann ihre Schiedsrichterinnen-Karriere beim sächsischen SV Grün-Weiß Elstra. Als sie mit Anfang 20 nach Leipzig zog, wurde sie die erste Schiedsrichterin beim neu gegründeten RB Leipzig. Dort leitete und assistierte sie im DFB-Bereich bis zur Männer-Regionalliga und zur zweiten Frauen-Bundesliga. Heute lebt sie in Berlin und pfeift in der Berlin- und Landesliga. Hauptberuflich arbeitete sie lange im Marketing von Union Berlin und leitet heute als Senior Event Managerin Sportcamps in ganz Europa.

Franziska, nur vier Prozent aller Schiedsrichter in Deutschland sind Frauen. Können sich Frauen auf dem Platz nicht so gut durchsetzen?

Franziska Koch: Nein, das sehe ich überhaupt nicht so. Das Interesse bei jungen Mädchen und Frauen, Schiedsrichterin zu werden, ist ja durchaus vorhanden. Aber viele von ihnen schmeißen schnell wieder hin, weil es wirklich immer rabiater auf den Plätzen wird und Respekt und Anerkennung leider ziemlich oft fehlen.

Wie äußert sich dieser fehlende Respekt denn konkret?

Ich kann ja mal von einer meiner heftigsten Erfahrungen erzählen, die ich machen musste: ein Derby zweier Leipziger Traditionsmannschaften in der Bezirksliga. Fast 3000 Zuschauer waren vor Ort und zudem ein großes Polizeiaufgebot, da es zwei polarisierende Vereine waren. Ich war damals 24 Jahre alt und mit zwei sehr jungen Assistenten dort. Schon beim Warmmachen durfte ich mir Respektlosigkeiten ohne Ende anhören. „Du solltest mit dem Kinderwagen rumlaufen und nicht auf dem Fußballplatz stehen“ und so weiter. Während des Spiels kamen dann massive Aggressionen von den Trainern und Auswechselspielern hinzu, die uns wirklich völlig fertiggemacht haben. Der 17-jährige Assistent fing in der Halbzeit an zu weinen und wollte nicht mehr rausgehen. Ich weiß noch ganz genau, wie ich in der 70. Minute am liebsten alles hingeschmissen hätte. Nach dem Spiel war ich emotional für längere Zeit stark angegriffen, und ich bin sonst wirklich keine sonderlich zimperliche Person und kann einiges ab. Ich habe für dieses Spiel 35 Euro bekommen und habe mich gefragt, ob es mir das wert ist, mich so in meiner Persönlichkeit angreifen zulassen. Natürlich sind nicht alle Spiele so extrem, aber gerade in den unteren Ligen ist der Ton oft sehr respektlos.

Schiedsrichterin Franziska Koch
Dirk Mathesius
"Natürlich fällt man als Frau im Männer-Fußball grundsätzlich mehr auf."

Glaubst du, dass das vor allem daran liegt, dass du eine Frau bist?

Natürlich fällt man als Frau im Männerfußball grundsätzlich mehr auf. Aber ich denke mir oft, unabhängig davon, welche Person in dieser Situation gerade die Entscheidung trifft, sie würde angegriffen werden. Es wird fast immer etwas gefunden, weswegen man den Schiri angehen kann: Ist er zu alt, arrogant, langsam, kräftiger oder eben eine Frau. Wenn es Spielern wirklich schwerfällt zu akzeptieren, dass eine Frau ihnen in dem Moment sagt, wo es langgeht, sage ich: „Du erwartest Respekt von mir, dann erwarte ich diesen auch von dir.“ Das kommt dann meistens an. Zumindest hatte ich noch kein Spiel, das ich nicht mehr unter Kontrolle hatte, weil die Spieler mich nicht ernst genommen hätten.

Wurdest du sogar schon mal körperlich angegriffen?

Am Anfang meiner Karriere haben mich Spieler und Trainer einer Kreisklassenmannschaft nach einer Roten Karte so bedroht, dass ich in die Kabine laufen und mich einschließen musste. Die sind mir hinterhergelaufen und haben gegen die Tür gedroschen. Ansonsten ist es bei mir zum Glück meist bei verbalen Angriffen geblieben. Ich habe das Gefühl, sobald es um das Körperliche geht, können sich viele Männer doch noch mal beherrschen, wenn sie vor einer Frau stehen. Als Assistentin habe ich es aber durchaus schon erlebt, wie ein Schiedsrichter bewusstlos geschlagen wurde. Bei einem C-Jugend-Spiel. Unfassbar!

Wenn man das hört, fragt man sich ja schon, wieso du dir das antust. Wie kam es überhaupt dazu, dass du Schiedsrichterin geworden bist?

Ich habe mit 17 Jahren angefangen, der Einstieg verlief ziemlich klassisch: Der Verein, bei dem ich selbst lange gespielt habe, hat dringend Schiedsrichter gesucht, da es sonst Punktabzug für meine Mannschaft gegeben hätte. Da habe ich mir dann irgendwann gesagt: „Ach, komm, ich kann es mir ja einfach mal anschauen."

Wie waren deine ersten Erfahrungen in der ungewohnten Rolle?

In der Westlausitz, wo ich angefangen habe, war es wirklich auch noch sehr ungewöhnlich, dass eine Frau als Schiedsrichterin eingesetzt wird. Ganz oft wurde ich, wenn ich am Platz ankam, gefragt, wessen Freundin ich denn sei. Physiotherapeutin vom Gegner, das war auch so eine Standard-Vermutung. Ich habe mir dann angewöhnt, vor den Spielen immer kurz an beiden Kabinen anzuklopfen und mich den Spielern vorzustellen.

Wie waren die Reaktionen?

Na ja, auf dem Platz habe ich schon oft Sprüche wie „Was willst du mir jetzt erzählen, kleines Blondchen?“ zu hören bekommen. Ein anderes Mal hat ein Spieler quer übers Feld gebrüllt: „Auch wenn ich dich gerne einmal durchnehmen würde, Prinzesschen, das war doch niemals Gelb.“ Ich habe ihm dafür Gelb gegeben, wobei Rot als Zeichen auch mehr als vertretbar gewesen wäre. Wenn ich damals nicht von der Lausitz weg nach Leipzig gegangen und dort sehr gut gefördert worden wäre, hätte ich mit Sicherheit nach kurzer Zeit wieder aufgehört.

Schiedsrichterin Franziska Koch
Dirk Mathesius
"22 Charaktere in eine gemeinsame Bahn zu lenken, das braucht eben Selbstbewusstsein und Konfliktfähigkeit."

Heute pfeifst du in Berlin. Hat sich der Ton gegenüber Schiedsrichterinnen mittlerweile gebessert?

Zumindest ist es für Spieler und Fans hier deutlich normaler, wenn eine Frau ein Spiel pfeift. Das macht es ein wenig angenehmer. Aber besonders von den Zuschauern höre ich leider immer noch regelmäßig die typischen Klischee-Sprüche: „Als Frau hast du doch sowieso keine Ahnung“, „Du hast hier nichts zu suchen“, „Du weißt wahrscheinlich nicht mal, was Abseits ist“. Ich belächle das mittlerweile innerlich. Aber es ist schon traurig, was Menschen sich rausnehmen, die einen nicht kennen. Aber unabhängig vom Geschlecht wird das Verhalten gegen-über Schiedsrichtern teilweise immer schlimmer. Ich habe das Gefühl, dass viele Spieler und Zuschauer den Fußball als Freifahrtschein für ihre Emotionen sehen und kaum noch Grenzen kennen.

Hast du eine Idee, wie man dem entgegenwirken könnte?

Es gibt ja schon Gewaltpräventionstrainings für Spieler und Offizielle, die durch Aggressionen auffallen. Aber man merkt, dass man nur mit Reden nicht immer vorwärtskommt. Mein Vorschlag: Wer wegen Schiedsrichter Beleidigung auffällt, muss Strafspiele im eigenen Jugendbereich pfeifen. Einfach, um mal zu sehen, wie das ist: in Sekundenbruchteilen viele Entscheidungen zu treffen und sich anschreien zu lassen. Und zu sehen, dass das einfach ein echt verdammt harter Job ist. Zusätzlich muss es natürlich weiter laute, prominente Stimmen geben, wie Deniz Aytekin, Bibiana Steinhaus oder Patrick Ittrich, die sich öffentlich für Belange von Schiedsrichtern einsetzen. Denn viele Menschen da draußen, die sich ständig beschweren, wissen einfach nicht, was hinter diesem Job steckt und was die andauernden Beleidigungen in einem auslösen können .

Wie gehst du damit um, ständig beleidigt und kritisiert zu werden?

Ich weiß, als Schiedsrichter nehmen wir auf dem Platz eine Rolle ein und es geht eigentlich nicht um mich als Person. Viele Dinge versuche ich mit Humor zu nehmen und auch mal entspannt zu kontern. Wenn ein Spieler leise neben mir sagt: „Du pfeifst aber auch eine schöne Scheiße“, dann sage ich zu ihm: „Na ja, du spielst heute aber auch schwach.“ Dann lacht er und alles ist okay. Als guter Schiedsrichter sollte man nicht alles auf die Goldwaage legen und auch einfach malweghören können. Und wenn Spieler mich für Fehlentscheidungen aggressiv angehen, sage ich: „Hey, wir sind nur Schiedsrichter im Amateurbereich, genauso wie du kein Profi-Spieler bist. Genauso wie ihr im Spiel Fehlpässe spielt, so treffen wir von den 250 Entscheidungen auf dem Platz auch mal eine falsche.“ Das ist so. Das ist nur menschlich. Jeder, der weiß, wie man es besser macht, sollte am besten selbst mal einen Lehrgang machen.

Das klingt alles doch ziemlich hart und ernüchternd. Du erlebst hoffentlich auch positive Dinge, oder?

Zum Glück ja – es sind nicht alle so. Erst vor ein paar Wochen hatte ich als Assistentin eine richtig positive Situation. Ein Zuschauer hat zum Schiri gebrüllt: „Das war niemals ein Freistoß, du dummes Arschloch.“ Und der Heimtrainer hat sich umgedreht und meinte „Was bist du denn für einer? So redet man nicht mit dem Schiedsrichter, wir sind froh, dass wir überhaupt einen haben. Und wenn dir das nicht passt, dann geh bitte.“ Ein wichtiges Signal. Und auch wenn ich selber pfeife, gibt es immer mal wieder lustige Dialoge. Zum Beispiel, wenn ich bei Einwechslungen die Spieler nach ihrer Nummer frage und sie zu flirten anfangen und mir ihre Telefonnummer geben wollen.

Das heißt, dir macht dieses Ehrenamt trotz allem noch Spaß?

Ich liebe das Schiedsrichtersein aus vielen Gründen. Und nein, nicht nur, weil man mit dem Schiri-Ausweisfreien Eintritt zu DFB-Spielen hat. Ich muss immer fit sein, kann mich bei den Spielen körperlich richtig fordern und gebe meine Erfahrung gerne an junge Schiedsrichter weiter. Außerdem lohntes sich definitiv für die eigene Persönlichkeitsentwicklung. Womit wir wieder bei der Einstiegsfrage wären, Thema Durchsetzungsvermögen und so. Mein Freund sagt mir manchmal: „Krass, du bist wie ein anderer Mensch auf dem Platz, so laut und so durchgreifend.“ Aber 22 Charaktere in eine gemeinsame Bahn zu lenken, das braucht eben Selbstbewusstsein und Konfliktfähigkeit – wovon ich natürlich auch in meinen Beruf und Privatleben profitiere.

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